"Gottesdienst special" in Mülheim an der Ruhr

Grundsätzliche Überlegungen:
Heutzutage gibt es immer mehr Menschen, die kirchliche Traditionen und konfessionelle Zugehörigkeit bewusst hinter sich lassen.
Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass viele Menschen bereit wären, eine neue Gottesdienst-Erfahrung zu machen, aber sie fürchten, dass sich nur alte Erfahrungen von fehlender Aktualität und Bedeutungslosigkeit gottesdienstlicher Abläufe wiederholen würden.
Denn nichts ist so anziehend wie ein relevanter, interessanter und verständlicher Gottesdienst, der unser Leben betrifft.

Wie könnte es sein?
Wie also kann es gelingen, dass der Gottesdienst interessant und relevant für das Leben vieler Menschen wird, insbesondere derer, die ihn aus ihrer Erfahrung für eine eher uninteressante Veranstaltung halten? Wie können Gottesdienste zu Veranstaltungen werden, wo viele Menschen zusammen kommen, alte und junge, fromme und unfromme, Deutsche und Ausländer, Etablierte und Freaks – und die herausfordernde und befreiende Kraft des Evangeliums von Jesus Christus erfahren?
Albert Einstein sagte mal den interessanten Satz: "Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben." Was bedeutet dies für die Gottesdienstkrise unserer Zeit?
Dazu einige Überlegungen.

Menschendistanzierte …
In den letzten Jahren sind Menschen, die keine Kirche mehr besuchen, oft als „kirchendistanziert“ beschrieben worden. Diese Bezeichnung verlegt das Distanzproblem zu den Menschen. Die Wahrheit ist, dass nicht die Menschen „kirchendistanziert“, sondern eher die Kirchen welcher Couleur auch immer häufig „menschendistanziert“ sind.
Der Verdacht drängt sich auf, dass die kirchliche Sprache den Vorwurf durchschimmern lässt: Warum haben sie uns verlassen (Austritte) ? oder: warum nehmen sie nicht Anspruch, was wir anbieten (Nichtteilnahme). Menschen spüren, ob sie einem Vorwurf oder einer suchenden Liebe begegnen.
Ein Problem unserer herkömmlichen Gottesdienste: Lange bevor die Menschen eine Chance bekommen, dem Herausforderung des Evangeliums zu begegnen, scheitern sie am kulturellen Graben und werden so um das Evangelium betrogen.
Aus Angst vor einer permanenten Reformation wurden die Gottesdienstentscheidungen der ersten Reformation heilig gesprochen, die dem Milieu der spätmittelalterlichen Gesellschaft entsprachen. Wir haben heute die Musikinstrumente des Mittelalters, die Predigttradition des 16., die Lieder des 17., die Laienverantwortung nach dem Massstab des 18., die Liturgie des 19. und oft genug die ungastlichen Betonbauten des 20. Jahrhunderts. Kein Wunder, dass solche Gottesdienste Menschen des 21. Jahrhunderts kaum erreichen.

… oder menschenfreundliche (Frei-)Kirchen?
Die englische Sprache spiegelt Liebe zu den Menschen. „Unchurched" spielt das Problem der Distanz zur Kirche zurück, also dorthin, wo nach 1.Korinther 9,19-23 die Initiative eigentlich liegt. „Seeker" spricht über den Menschen ohne Gott eine Verheissung aus: Ihnen wird als verlorenen Kindern die Sehnsucht nach dem Vater zugetraut (Lukas 15,18).
Gottesdienste für suchende Menschen – ob sie >go special< oder wie auch immer heißen – staunen über den Vertrauensvorschuss, den Suchende durch ihr Kommen signalisieren und versuchen dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen.
Tragendes Motiv der Planung, Gestaltung und Durchführung solcher Gottesdienste kann nur Gottes Liebe zu seinen verlorenen Kindern sein. Alles andere wird ausbrennen, leer laufen oder erstarren.
Solche Gottesdienste wollen eine bewusste Elementarisierung der biblischen Botschaft, um den Zugang zu Jesus zu öffnen.
Sie sehen zeitgenössische Musik als Schatz der jeweiligen Generation. Sie wirkt als vertrauensfördernde Maßnahme, lässt Menschen in ihrer gewohnten Musik eine ungewohnte Liebeserklärung hören.
Gottesdienste für suchende Menschen gebrauchen darstellende Künste (Theater, performance, Medien) als Bühne der Lebenserfahrungen der Gäste und zugleich als Türöffner des Evangeliums. Sie befinden sich damit in guter Gesellschaft zu Gleichnissen und Bildersprache Jesu.
Gottesdienste für suchende Menschen sind dann fruchtbar, wo sie im Gemeindeganzen verankert und gewollt sind. Bloße Kopien werden an der Veränderungsunwillig- und -fähigkeit der Gemeinde scheitern.
Lesen Sie die Packungsbeilage
Sofern Sie Interesse haben, für die Entwicklung solcher Gottesdienste in Ihrer Gemeinde zu beten und zu arbeiten, beachten Sie bitte den „Hinweis auf der Packungsbeilage“: Die Einführung eines Gottesdienstes für suchende Menschen gefährdet Ihre gewohnten Abläufe, vielleicht sogar den Frieden Ihrer Gemeinde. Ältere Söhne lieben unverdiente Feste nicht (Lukas 15, 25-31). Aber es können Menschen in den Gottesdienst kommen, die Sie nie erwartet hätten. Und darüber entsteht zumindest Freude im Himmel.
Ekkehart Vetter
(Pastor der Christus-Gemeinde Mülheim)

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